Als Lamine Yamal im EM-Finale 2024 aus 25 Metern in den Winkel traf, war er 17 Jahre alt, und die Fussballwelt wusste: Spanien hat seinen nächsten Überflieger gefunden. Zwei Jahre später reist La Roja als amtierender Europameister zur WM 2026, mit einem Kader, der Jugend und Erfahrung so elegant vereint wie kein anderer. Gruppe H mit Uruguay, Saudi-Arabien und dem Debütanten Kap Verde stellt Spanien vor eine lösbare Aufgabe — doch Uruguay als Gruppengegner sorgt dafür, dass Nachlässigkeit bestraft wird. Trainer Luis de la Fuente hat nach dem EM-Triumph eine Mannschaft geformt, die ich für die am besten organisierte der Welt halte. Die Quoten bei 9.00 sehen Spanien als sechsten Favoriten — eine Einstufung, die ich für zu niedrig halte. La Roja ist besser als ihr Quotenplatz.
Kader — Die goldene Generation 2.0
Was Spanien von anderen Topnationen unterscheidet, ist die stilistische Kohärenz. Während Frankreich auf individuelle Brillanz setzt und England auf Premier-League-Physis, spielt Spanien einen Fussball, der auf kollektiver Intelligenz basiert — Ballbesitz, Positionswechsel, Pressing als Philosophie. Diese Identität kommt nicht von ungefähr: Sie ist das Ergebnis einer Ausbildungsrevolution, die in La Masía begann und inzwischen das gesamte spanische Jugendsystem durchdringt. Jeder Spieler in diesem Kader versteht die gleiche Sprache auf dem Platz, unabhängig davon, ob er bei Barcelona, Real Madrid oder Bilbao spielt.
Lamine Yamal ist mit 18 Jahren der jüngste Star dieses Kaders und bereits einer der gefährlichsten Offensivspieler der Welt. Seine Saison bei Barcelona — über 15 Tore und 12 Assists in der Liga — hat ihn in die Kategorie der generationsübergreifenden Talente gehoben, neben Mbappé, Bellingham und Vinícius. Was Yamal besonders macht: Sein rechter Fuss produziert Pässe und Schüsse mit einer Präzision, die an den jungen Messi erinnert, aber sein Spielverständnis ist für sein Alter beispiellos. Er liest das Spiel wie ein 30-Jähriger und trifft Entscheidungen in Bruchteilen von Sekunden, die erfahrene Verteidiger alt aussehen lassen. Bei der EM 2024 war er der jüngste Torschütze der Turniergeschichte — bei der WM 2026 könnte er zum besten Spieler des Turniers werden.
Pedri, sein Barcelona-Kollege, kontrolliert das Mittelfeld mit einer Eleganz, die an Xavi und Iniesta erinnert. Seine Ballkontrolle, seine Drehungen und seine Fähigkeit, unter Pressing ruhig zu bleiben, machen ihn zum Herzstück des spanischen Spiels. Die Verletzungsprobleme der vergangenen Jahre scheinen überwunden — in der Saison 2025/26 absolvierte Pedri über 40 Pflichtspiele, sein höchster Wert seit dem Debüt. Neben ihm bietet Gavi als dynamischer Achter die physische Komponente, die Pedri fehlt — sein Aktionsradius, seine Zweikampfstärke und seine Fähigkeit, Box-to-Box zu spielen, geben dem spanischen Mittelfeld die nötige Balance zwischen Ästhetik und Intensität.
Rodri von Manchester City ist der Anker. Der Ballon-d’Or-Gewinner 2024 hat sich zum besten Sechser der Welt entwickelt — seine Passquote von 93 Prozent, seine Positionierung und seine Fähigkeit, das Tempo des Spiels zu diktieren, sind auf einem Niveau, das in der Geschichte des spanischen Fussballs nur Sergio Busquets erreichte. Rodris Rückkehr nach seiner Kreuzbandverletzung im Herbst 2025 war der entscheidende Moment der spanischen WM-Vorbereitung — ohne ihn fehlt dem Team die Achse, mit ihm ist Spanien eine Maschine.
In der Offensive ergänzt Nico Williams Yamal auf der linken Seite — seine Geschwindigkeit und sein Dribbling machen das spanische Flügelspiel zum gefährlichsten der Welt. Williams hat bei Athletic Bilbao seine beste Saison gespielt, mit 14 Toren und 9 Assists in der Liga, und seine Kombination mit Yamal auf den Flügeln gibt Spanien eine Doppelbedrohung, die kein Verteidiger der Welt allein kontrollieren kann. Wenn beide gleichzeitig aufs Tor zulaufen, muss die gegnerische Abwehr wählen, wen sie doppelt — und wer auch immer frei bleibt, wird bestrafen. Álvaro Morata als erfahrener Stosstürmer bringt die Routine und das Kopfballspiel, die in K.-o.-Spielen den Unterschied machen können. Seine 36 Länderspieltore sprechen für sich, auch wenn er bei seinen Vereinen nie die Wertschätzung erhielt, die er beim Nationalteam geniesst. Die Abwehr um Dani Carvajal, Robin Le Normand und Aymeric Laporte ist erfahren und taktisch geschult — Carvajal als Champions-League-Sieger bringt die Mentalität mit, die grosse Turniere fordern, Le Normand hat sich bei Real Sociedad zum besten spanischen Innenverteidiger entwickelt. Im Tor steht Unai Simón, der sich bei Athletic Bilbao als zuverlässiger Keeper etabliert hat, auch wenn seine gelegentlichen Aussetzer — wie der Eigentor-Slapstick gegen Kroatien bei der EM 2021 — ein Restrisiko bleiben.
Qualifikation
Wer Spanien in der Qualifikation beobachtete, sah eine Mannschaft, die in einer eigenen Liga spielt. 10 Spiele, 9 Siege, 1 Unentschieden, 28:3 Tore — eine Bilanz, die selbst für spanische Verhältnisse aussergewöhnlich ist. Die Gruppe mit Schottland, Norwegen, Zypern und Georgien bot nur Schottland als ernsthaften Konkurrenten, aber selbst die Schotten wurden in beiden Duellen geschlagen — 2:0 in Glasgow, 3:1 in Sevilla. Das Hinspiel in Glasgow war besonders beeindruckend: Spanien kontrollierte 72 Prozent Ballbesitz, liess Schottland auf nur zwei Torschüsse kommen und erzielte beide Tore durch Yamal und Pedri — die Zukunft, die schon Gegenwart ist.
Was diese Qualifikation bemerkenswert macht, ist nicht die Dominanz an sich, sondern die Art, wie Spanien dominierte: durchschnittlich 67 Prozent Ballbesitz, 8.4 Torschüsse pro Spiel aus dem offenen Spiel heraus und nur 3 Gegentore in 10 Spielen. De la Fuente hat ein System installiert, das Pressing und Ballbesitz nahtlos verbindet — Spanien gewinnt den Ball zurück, oft innerhalb von 5 Sekunden nach Ballverlust, und behält ihn dann, bis eine Lücke entsteht. Dieses Gegenpressing, inspiriert von Guardiolas Barcelona und verfeinert für die Nationalmannschaft, ist der taktische Kern des spanischen Spiels. Gegen diese Spielweise finden die meisten Teams weltweit kein Mittel — sie müssen wählen zwischen tiefem Block (und werden dann durch Yamals und Williams‘ Dribbling geöffnet) oder hohem Pressing (und werden dann durch Rodris und Pedris Passspiel überspielt).
Die einzige Sorge: Das 0:0 gegen Schottland in Glasgow, wo Steve Clarkes Team mit einem aggressiven 3-5-2 die spanischen Räume verdichtete und die Flügel neutralisierte. Drei Manndeckungen auf Pedri, Rodri und Yamal erstickten das spanische Kombinationsspiel, und de la Fuente fand 90 Minuten lang keine Lösung. Dieses Spiel zeigte, dass es einen Bauplan gibt, um Spanien zu stoppen — tiefes Pressing, enge Räume, physische Zweikämpfe, Manndeckung auf die Schlüsselspieler. Teams wie Uruguay oder England, die genau diesen Ansatz spielen können, werden in der K.-o.-Runde davon profitieren. Die Frage ist, ob de la Fuente bis Juni einen Plan B entwickelt hat, der auch gegen solche Gegner funktioniert.
Gruppe H — Uruguay, Saudi-Arabien, Kap Verde
Uruguay ist der Gradmesser. La Celeste unter Marcelo Bielsa hat sich in der südamerikanischen Qualifikation als zweitbestes Team hinter Argentinien etabliert und bringt einen Kader mit, der Erfahrung und Hunger vereint. Federico Valverde von Real Madrid ist der Motor des Teams, Darwin Núñez der Torjäger, und Bielsas taktische Genialität macht Uruguay zu einem der unberechenbarsten Gegner des Turniers. Das Duell Spanien–Uruguay ist das Spitzenspiel der Gruppe und ein potenzielles Vorrundenfinale, das über den Gruppensieg entscheidet. Ich erwarte ein taktisch anspruchsvolles 1:1 oder einen knappen 2:1-Sieg für Spanien.
Saudi-Arabien, das bei der WM 2022 mit dem 2:1-Sieg gegen Argentinien für die grösste Überraschung des Turniers sorgte, bringt diesen Spirit mit nach Nordamerika. Die Mannschaft hat sich seitdem personell erneuert, mit einer Mischung aus Saudi-Pro-League-Spielern und einigen Legionären in Europa, aber die defensive Disziplin und der Mut, gegen grosse Gegner hoch zu pressen, sind unter Trainer Roberto Mancini geblieben. Für Spanien wird dieses Spiel ein Test der Geduld — Saudi-Arabien wird tief stehen, den Raum verengen und darauf hoffen, dass ein Konter oder ein Standard den Unterschied macht.
Kap Verde ist der Debütant aus dem westafrikanischen Inselstaat und wird tief stehen — ein Gegner, gegen den Spanien seinen Ballbesitz-Fussball in Perfektion ausspielen muss. Die kapverdische Mannschaft hat in der afrikanischen Qualifikation mit ihrer Kompaktheit überrascht und Teams wie Nigeria einen Punkt abgetrotzt. Für Spanien sollte es dennoch ein klarer Dreier werden, und de la Fuente wird dieses Spiel nutzen, um Spielern Einsatzzeit zu geben, die in den Schlüsselspielen gegen Uruguay und in der K.-o.-Runde gebraucht werden.
Quoten und Titelchancen
Die Dezimalquoten auf einen spanischen WM-Titel stehen bei 9.00 — eine implizite Wahrscheinlichkeit von 11 Prozent und Platz sechs in der Favoritenrangliste. Diese Einstufung überrascht mich: Spanien ist der amtierende Europameister, hat die Qualifikation dominiert und besitzt den stilistisch ausgereiftesten Kader des Turniers. Die Quote spiegelt vermutlich die WM-Bilanz der letzten zehn Jahre wider — Gruppenaus 2014, Achtelfinale 2018, keine Teilnahme am Halbfinale seit 2010. Doch der Kader von 2026 ist fundamental anders als jene Teams, und die EM 2024 hat bewiesen, dass Spanien auf Turnierebene wieder konkurrenzfähig ist.
Wo ich starken Value sehe: Die Halbfinal-Quote bei 2.60. Spanien hat das Potenzial, jedes Team zu schlagen, wenn Rodri fit ist und Yamal seine Form hält. Der Gruppensieg bei 1.45 ist solide, das Weiterkommen bei 1.05 praktisch sicher. Für den Titel bei 9.00 sehe ich Value — meine eigene Einschätzung liegt bei einer Titelwahrscheinlichkeit von 13 Prozent, was eine faire Quote von 7.70 ergibt. Die 9.00 der Buchmacher bieten also einen Edge von rund 15 Prozent — in der Wettanalyse ein beachtlicher Wert.
Was traut man La Roja zu?
Meine Prognose: Spanien ist der stille Favorit dieses Turniers. Während alle Augen auf Frankreich, England und Brasilien gerichtet sind, baut de la Fuente eine Mannschaft, die den schönsten und gleichzeitig effektivsten Fussball der Welt spielt. Das EM-Finale 2024, in dem Spanien England mit einer Mischung aus Ballbesitz und tödlichen Kontern besiegte, war das Template für die WM. Wenn Rodri gesund bleibt und Yamal seine Entwicklung fortsetzt, hat Spanien alles, um den Titel zu gewinnen — und ich sage das als jemand, der normalerweise skeptisch gegenüber Europameistern bei der darauffolgenden WM ist (Griechenland 2006, Dänemark 1994, Portugal 2018 — alle enttäuschten).
Das grösste Risiko: Rodris Gesundheit. Ohne ihn verliert Spanien seine Achse, sein Metronom, seinen Taktgeber. Die Verletzung im Herbst 2025 hat gezeigt, wie verwundbar das Team ohne ihn ist — drei Spiele ohne Rodri, drei Spiele ohne die gewohnte Kontrolle. Das zweite Risiko: Die Torhüterfrage. Unai Simón ist solide, aber nicht auf dem Niveau eines Alisson, Courtois oder Maignan. In einem K.-o.-Spiel, das ins Elfmeterschiessen geht, könnte diese Differenz den Ausschlag geben. Meine Wahrscheinlichkeiten: Halbfinale 45 Prozent, Finale 25 Prozent, Titel 13 Prozent. Die vollständige Teamübersicht zeigt, wo Spanien im Gesamtfeld steht.