Die Frage, die ganz Portugal spaltet, lautet nicht, ob die Seleção das Achtelfinale erreicht — das ist bei dieser Kaderqualität selbstverständlich. Die Frage lautet: Spielt Cristiano Ronaldo? Mit 41 Jahren wäre er der älteste Feldspieler in der WM-Geschichte, und seine Saison bei Al-Nassr in Saudi-Arabien liefert zwar Tore am Fliessband — über 30 pro Saison —, aber gegen eine Konkurrenz, die mit europäischem Niveau wenig gemein hat. Trainer Roberto Martínez steht vor der schwierigsten Entscheidung seiner Karriere: den grössten portugiesischen Fussballer aller Zeiten mitnehmen oder auf die Zukunft setzen. Ich analysiere beide Szenarien und erkläre, warum die WM 2026 Portugals beste Chance auf den ersten WM-Titel sein könnte — paradoxerweise vielleicht gerade dann, wenn Ronaldo keine Hauptrolle spielt.
Kader — Nach oder mit Ronaldo?
Nehmen wir Ronaldo für einen Moment aus der Gleichung und schauen auf den Rest des Kaders. Was wir sehen, ist beeindruckend: Bernardo Silva bei Manchester City, der eleganteste Mittelfeldspieler seiner Generation — sein Ballgefühl, seine Arbeit gegen den Ball und seine Fähigkeit, in engen Räumen Lösungen zu finden, machen ihn zu einem der komplettesten Spieler der Welt. Bruno Fernandes bei Manchester United, der produktivste Spielmacher der Premier League mit zweistelligen Torbeteiligungs-Zahlen in jeder Saison seit seinem Wechsel nach England — sein rechter Fuss produziert Pässe und Schüsse, die Spiele entscheiden. Rafael Leão bei AC Milan, einer der schnellsten und technisch begabtesten Flügelspieler der Welt, der mit seinen Dribblings ganze Abwehrreihen auseinanderreisst. Gonçalo Ramos bei PSG, ein Stosstürmer, der bei der WM 2022 im Achtelfinale gegen die Schweiz einen Hattrick erzielte — als Ersatz für Ronaldo wohlgemerkt, was die Kaderdebatte damals auslöste und sie bis heute anheizt.
Diogo Jota bei Liverpool, vielseitig und torgefährlich aus jeder Position. João Neves bei PSG, erst 21 und bereits einer der besten jungen Sechser Europas — sein Spielverständnis und seine Passqualität erinnern an den jungen Sergio Busquets. Francisco Conceição bei Juventus, der auf dem rechten Flügel mit seiner Geschwindigkeit und Direktheit an seinen Vater Sérgio erinnert. Rúben Dias bei Manchester City und António Silva bei Benfica in der Innenverteidigung bilden eine Achse aus Erfahrung und Talent, die zu den stärksten Europas gehört. Diogo Costa im Tor hat sich bei Porto als Nummer eins Portugals etabliert und brachte bei der WM 2022 im Achtelfinale gegen die Schweiz eine fehlerfreie Leistung — Portugal hat auf jeder Position mindestens zwei Spieler von europäischem Topniveau, eine Kadertiefe, die nur Frankreich und England übertreffen.
Was passiert, wenn Ronaldo dabei ist? Er beansprucht die zentrale Sturmposition und die Freistösse, obwohl seine Trefferquote bei direkten Freistössen in den letzten drei Jahren bei unter 3 Prozent liegt. Er limitiert das Pressing, weil sein Laufpensum nicht mehr für 90 Minuten Hochintensitätsfussball reicht. Aber er bringt auch Unersetzliches mit: 900+ Karrieretore, eine Mentalität, die Mannschaften beflügeln kann, und eine physische Präsenz im Strafraum, die Verteidiger bindet. Bei der EM 2024 weinte Ronaldo nach einem verschossenen Elfmeter gegen Slowenien, traf dann im Elfmeterschiessen — ein Moment, der die Dualität seiner späten Karriere zusammenfasst.
Meine Prognose: Martínez wird Ronaldo nominieren, aber als Joker einsetzen — ähnlich wie Scaloni es mit Messi plant. Die Startelf wird um Ramos oder Jota als Neun aufgebaut, mit Leão links, Silva rechts und Bruno Fernandes als Zehner. Ronaldo kommt in der 60. Minute für die letzte halbe Stunde — frisch, motiviert und mit dem Instinkt von über 200 Länderspielen. Dieses Szenario gibt Portugal die beste Chance auf Erfolg, weil es die taktische Flexibilität erhält, ohne auf Ronaldos Aura zu verzichten.
Qualifikation
Portugal qualifizierte sich als Gruppenerster, mit 26 Punkten aus 10 Spielen, vor der Slowakei, Luxemburg, Bosnien und Island. Die Gruppe war nicht anspruchsvoll, aber Portugal nutzte die Kampagne, um das System zu verfeinern und die Balance zwischen den Generationen zu finden. Martínez wechselte zwischen einem 4-3-3 und einem 3-4-3, testete verschiedene Stürmerkombinationen — Ronaldo als Neun, Ramos als Neun, Jota als falsche Neun — und gab jungen Spielern wie João Neves, António Silva und Francisco Conceição Einsatzzeit, die sie für die WM reifen liess.
Die Bilanz spricht für sich: 24:5 Tore, davon 9 von Ronaldo — der damit bewies, dass er gegen schwächere Gegner weiterhin trifft, auch wenn seine Leistungen gegen die Slowakei (1:0, Ronaldo-Tor aus dem Elfmeter, ansonsten wenig Spielanteile) weniger überzeugend waren als gegen Luxemburg (5:0, Ronaldo-Doppelpack). Die Defensive war beeindruckend stabil: Nur 5 Gegentore in 10 Spielen, und Diogo Costa im Tor hielt dreimal die Null in den letzten vier Partien. Was die Qualifikation nicht beantwortet hat: Wie reagiert dieses Portugal unter echtem Druck, gegen einen Gegner, der auf Augenhöhe agiert? Die Slowakei war der stärkste Kontrahent, und selbst die schafften nur ein 1:1 — das reicht als Gradmesser nicht aus. Die Antwort auf diese Frage wird in Gruppe K kommen, wenn Kolumbien wartet.
Gruppe K — Kolumbien, Usbekistan, DR Kongo
Kolumbien ist der Prüfstein. Die Mannschaft unter Néstor Lorenzo hat sich in der südamerikanischen Qualifikation als drittbestes Team hinter Argentinien und Uruguay etabliert und bringt mit Luis Díaz (Liverpool), Jhon Durán (Aston Villa) und James Rodríguez (der mit 34 Jahren sein letztes grosses Turnier spielt) einen Kader mit, der Kreativität und Kampfkraft vereint. Kolumbien erreichte das Copa-América-Finale 2024 und verlor dort knapp gegen Argentinien — ein Team, das Portugal in der Gruppenphase ernsthaft herausfordern wird. Das Duell Portugal–Kolumbien ist das Schlüsselspiel der Gruppe und könnte über den Gruppensieg entscheiden.
Usbekistan ist der WM-Debütant und bringt eine Mannschaft mit, die in der asiatischen Qualifikation mit ihrer taktischen Disziplin und einem starken Heimvorteil überrascht hat. Der usbekische Fussball hat in den letzten Jahren einen Aufschwung erlebt, mit mehreren Spielern bei russischen und türkischen Klubs. Eldor Shomurodov, der bei AS Roma und Cagliari Serie-A-Erfahrung gesammelt hat, ist der gefährlichste Spieler und bringt die Torgefahr mit, die ein Debütant bei einer WM braucht. Die DR Kongo, die sich über die interkontinentalen Playoffs qualifizierte, ist athletisch stark und wird jedem Gegner einen physischen Kampf liefern. Chancel Mbemba als erfahrener Innenverteidiger und Cédric Bakambu als Stosstürmer geben dem Team ein Gerüst aus Spielern, die europäische Liga-Erfahrung mitbringen. Beide Teams sind schlagbar, aber nicht zu unterschätzen — bei einem 48-Teams-Turnier ist die Gruppenphase kürzer und fehlerverzeihender, was Aussenseitern zugutekommt, und ein Ausrutscher gegen einen motivierten Debütanten ist schneller passiert, als man denkt.
Quoten und Titelchancen
Portugals Dezimalquoten auf den WM-Titel stehen bei 15.00 — eine implizite Wahrscheinlichkeit von 6.7 Prozent und Platz sieben in der Favoritenrangliste, hinter Frankreich, England, Brasilien, Argentinien, Deutschland und Spanien. Ich halte diese Quote für fair, mit einem leichten Value-Potenzial, falls Martínez die Ronaldo-Frage richtig löst und auf die taktische Flexibilität des jungen Kaders setzt. Der Gruppensieg bei 1.65 reflektiert Kolumbiens Stärke als Konkurrent — Kolumbien hat das Potenzial, Portugal den ersten Platz streitig zu machen, besonders wenn Luis Díaz und James Rodríguez in Form sind. Das Weiterkommen bei 1.08 ist praktisch sicher, da selbst ein dritter Platz in Gruppe K für die K.-o.-Runde reichen dürfte.
Die interessanteste Wette: „Portugal erreicht das Halbfinale“ bei 3.00. Bei den letzten drei grossen Turnieren (WM 2022, EM 2024, Nations League 2023) erreichte Portugal jeweils mindestens das Viertelfinale — eine Konstanz, die den Halbfinal-Markt bei 3.00 attraktiv macht. Martínez hat gezeigt, dass er Turniere kann — er führte Belgien 2018 und Portugal 2022 jeweils ins Viertelfinale — und die Kadertiefe erlaubt ihm, in jeder Runde frische Spieler einzuwechseln, die den Unterschied machen. Was ich meide: Die Titel-Quote bei 15.00 bietet Value, aber das Risiko einer Ronaldo-bedingten taktischen Fehlentscheidung ist zu gross für mein Portfolio.
Ronaldos letzte WM?
Falls Ronaldo in Nordamerika sein letztes WM-Spiel bestreitet, wird es ein Moment für die Geschichtsbücher — der grösste Torschütze der Länderspielgeschichte, mit über 130 Toren, auf der grössten Bühne des Weltfussballs. Sechs WM-Teilnahmen (2006, 2010, 2014, 2018, 2022, 2026) — kein anderer Feldspieler in der Geschichte kann das vorweisen. Unabhängig von seiner sportlichen Rolle ist seine Präsenz ein Faktor, der die gesamte Mannschaftsdynamik beeinflusst: Die jüngeren Spieler schauen zu ihm auf, die Medien fokussieren sich auf ihn, die Gegner planen um ihn herum. Das kann Segen und Fluch zugleich sein.
Meine Prognose für Portugal: Viertelfinale als Mindestziel mit 55 Prozent Wahrscheinlichkeit, Halbfinale als realistisches Szenario mit 25 Prozent, Titel als Fernziel bei 15.00 mit 7 Prozent. Der Kader hat die Tiefe, die Qualität und — falls Martínez den Mut hat, die richtigen Entscheidungen zu treffen — die taktische Flexibilität, um in Nordamerika für Furore zu sorgen. Die Frage bleibt: Wird Ronaldos Ego dem Team dienen oder es belasten? Meine Antwort: Beides, je nach Spielsituation — und genau diese Unberechenbarkeit macht Portugal zu einem der spannendsten Teams des Turniers. Die vollständige Teamübersicht ordnet Portugals Chancen ein.