Es gibt Kader, die auf dem Papier Titel gewinnen sollten, und dann gibt es Belgien. Seit 2018 sind die Roten Teufel in der FIFA-Weltrangliste nie unter Platz 5 gefallen, haben bei drei grossen Turnieren mindestens das Viertelfinale erreicht und besitzen mit Kevin De Bruyne den vielleicht besten Mittelfeldspieler seiner Generation. Und doch: Kein Titel. Kein Finale. Nur das ewige „fast geschafft“ — dritter Platz bei der WM 2018, Viertelfinale 2022, und bei der EM 2024 ein enttäuschendes Achtelfinale gegen Frankreich. An der WM 2026 wartet Gruppe G mit Iran, Ägypten und Neuseeland, und für De Bruyne, Romelu Lukaku und Thibaut Courtois ist es die letzte Chance, dem goldenen Zeitalter des belgischen Fussballs einen Titel zu schenken.
Qualifikation
Belgien qualifizierte sich als Gruppenerster einer Qualifikationsgruppe mit Wales, Nordmazedonien, Kasachstan und Liechtenstein — eine Aufgabe, die auf dem Papier keine echte Herausforderung darstellte, und die Belgien genau so löste: effizient, aber selten begeisternd. 24 Punkte aus 10 Spielen, 20:5 Tore, Gruppensieg mit 6 Punkten Vorsprung auf Wales. Das 4:1 gegen Kasachstan in Brüssel war der offensive Höhepunkt, De Bruyne dirigierte das Spiel mit einer Leichtigkeit, die an seine besten City-Tage erinnerte, und Lukaku erzielte einen Doppelpack. Doch solche Abende waren die Ausnahme.
Was die Qualifikation zeigte: Die Defensive hat sich unter dem neuen Trainer stabilisiert — nur 5 Gegentore in 10 Spielen, und Courtois hielt fünfmal die Null —, aber die Offensive wirkt ohne einen klaren Plan manchmal ideenlos. Das 0:0 gegen Wales in Cardiff war der Tiefpunkt: 63 Prozent Ballbesitz, aber nur zwei Schüsse aufs Tor, keine einzige Grosschance, und ein Publikum, das nach 90 Minuten pfiff. Belgien kann den Ball halten, findet aber gegen organisierte Gegner zu selten Lösungen im letzten Drittel — ein Muster, das seit der EM 2024 bekannt ist und das der Trainer bisher nicht beheben konnte. Für die WM bedeutet das: Gegen Iran, Ägypten und Neuseeland reicht Belgiens Qualität zum Gruppensieg, aber in der K.-o.-Runde gegen ein Team wie Spanien oder Frankreich könnte die offensive Ideenlosigkeit zum Verhängnis werden.
Kader und Schlüsselspieler
Kevin De Bruyne ist 35, und seine Knie schmerzen nach jeder Saison etwas mehr. Aber solange er auf dem Platz steht, ist Belgien ein anderes Team. Sein Passspiel, seine Übersicht und seine Fähigkeit, Räume zu erkennen, die andere nicht sehen, machen ihn zum Herzstück des belgischen Spiels. In der Qualifikation steuerte er 6 Assists bei — alle aus dem offenen Spiel, keiner aus einer Standardsituation. Das ist typisch De Bruyne: Er braucht keine toten Bälle, um gefährlich zu sein, seine Stärke liegt im fliessenden Spiel, im schnellen Umschalten, im letzten Pass, der aus einer harmlosen Situation eine Torchance macht. Sein Zusammenspiel mit Jérémy Doku auf dem rechten Flügel ist die gefährlichste Waffe der Roten Teufel: Doku dribbelt mit einer Geschwindigkeit und Unberechenbarkeit, die an den jungen Eden Hazard erinnert, De Bruyne findet den freien Raum, und der Ball landet im Strafraum mit chirurgischer Präzision. Doku hat sich bei Manchester City zum festen Bestandteil von Guardiolas Rotation entwickelt — sein Eins-gegen-Eins ist auf Weltklasseniveau, auch wenn seine Entscheidungsfindung im letzten Drittel noch reifen muss.
Romelu Lukaku, Belgiens Rekordtorschütze mit über 85 Länderspieltoren, ist weiterhin die Nummer 9 — nicht weil er der beste Stürmer der Welt ist, sondern weil es in Belgien keine bessere Alternative gibt und weil seine Kombination aus Physis, Geschwindigkeit und Instinkt im Nationalteam funktioniert, wo er sich wohler fühlt als bei seinen Vereinen. Lukaku trifft bei der Nationalmannschaft mit einer Zuverlässigkeit, die bei Chelsea, Inter und Napoli oft fehlte, und seine physische Präsenz im Strafraum zieht Verteidiger an, die dann De Bruyne und Doku freistehen lassen. In der Qualifikation erzielte er 7 Tore in 9 Spielen — ein Schnitt, der seine Bedeutung für das Team unterstreicht.
Thibaut Courtois im Tor ist Weltklasse — seine 1,99 Meter, seine Reflexe und sein Stellungsspiel geben Belgien ein Sicherheitsnetz, das die oft wacklige Innenverteidigung kompensiert. Bei Real Madrid hat er sich nach seiner Kreuzbandverletzung zurückgekämpft und gehört wieder zu den drei besten Torhütern der Welt. Amadou Onana im Mittelfeld bringt die physische Dominanz mit, die neben De Bruyne nötig ist — sein Aktionsradius und seine Balleroberungen geben dem belgischen Spiel die defensive Stabilität, die ohne ihn fehlt. Youri Tielemans bietet als Alternative eine elegantere Spielweise und kann De Bruyne entlasten, wenn dieser müde wird.
Die Schwachstelle: Die Innenverteidigung. Jan Vertonghen und Toby Alderweireld sind zurückgetreten, und die Nachfolger — Wout Faes, Zeno Debast, Arthur Theate — haben nicht deren Niveau erreicht. Faes bei Leicester zeigt gelegentlich Klasseausbrüche, dann wieder haarsträubende Fehler — sein Eigentor-Doppelpack gegen Liverpool im Dezember 2022 ist unvergessen. Debast, erst 21, bringt Talent mit, aber die Erfahrung eines WM-Turniers ist eine andere Dimension als die belgische Liga. Für eine WM ist diese Unberechenbarkeit ein Risikofaktor, der die Titelchancen begrenzt und der Grund, warum ich Belgien nicht höher einschätze als als Viertelfinalist.
Gruppe G — Iran, Ägypten, Neuseeland
Belgiens Gruppe ist eine der leichteren im Turnier, aber das Wort „leicht“ ist bei einer WM relativ. Iran bringt Turniererfahrung und defensive Disziplin mit — bei der WM 2022 hielten die Iraner gegen England 90 Minuten lang mit, bevor die Three Lions in der Schlussphase vier Tore nachlegten (Endstand 6:2), und schlugen Wales 2:0 mit einem Doppelpack in der Nachspielzeit. Mehdi Taremi als Stosstürmer, inzwischen bei Inter Mailand und an Champions-League-Fussball gewöhnt, und Sardar Azmoun auf dem Flügel geben Iran genug individuelle Qualität, um Belgien zu fordern. Der iranische Fussball lebt von Kollektivität und Leidenschaft — Eigenschaften, die in einem WM-Gruppenspiel den Unterschied machen können, wenn der Favorit einen schlechten Tag erwischt.
Ägypten, das sich über die afrikanische Qualifikation durchsetzte, bringt mit Mohamed Salah den wahrscheinlich besten Spieler der Gruppe nach De Bruyne mit. Salah bei Liverpool ist weiterhin einer der tödlichsten Flügelspieler der Welt — sein linker Fuss produziert Tore aus Positionen, die für andere Spieler unerreichbar sind. Salah gegen Courtois — dieses Duell allein macht das Spiel sehenswert und gibt dem Gruppenspiel Belgien–Ägypten eine Qualität, die über das hinausgeht, was man von einer „leichten“ Gruppe erwartet. Ägypten hat beim AFCON 2024 das Finale erreicht und bringt ein Team mit, das defensiv organisiert und im Konter gefährlich ist.
Neuseeland ist der Aussenseiter aus Ozeanien und wird sich in der Rolle des Underdogs wohlfühlen. Die All Whites haben in der ozeanischen Qualifikation dominiert und bringen eine physisch starke, taktisch disziplinierte Mannschaft mit, die ihre Stärke aus Standardsituationen und einem kompakten Defensivblock zieht. Chris Wood als erfahrener Premier-League-Stürmer bei Nottingham Forest gibt Neuseeland einen Zielspieler, der gegen jede Abwehr ein Tor erzielen kann. Für Belgien sollte dieses Spiel ein klarer Dreier sein, aber die WM-Geschichte mahnt zur Vorsicht — Neuseelands 1:1 gegen Italien bei der WM 2010 zeigt, dass Aussenseiter auch gegen grosse Namen bestehen können.
Quoten und Prognose
Die Dezimalquoten auf einen belgischen WM-Titel liegen bei 29.00 — eine implizite Wahrscheinlichkeit von 3.4 Prozent. Diese Quote spiegelt die Realität wider: Belgien hat den Kader für ein Viertelfinale, vielleicht ein Halbfinale, aber nicht für den Titel. De Bruynes Fitness und die fragile Innenverteidigung setzen eine Obergrenze, die mit Quoten nicht zu umgehen ist. Der Gruppensieg bei 1.40 ist solide — ich sehe keine Konstellation, in der Iran, Ägypten oder Neuseeland den Belgiern den ersten Platz streitig machen. Das Weiterkommen bei 1.06 ist praktisch sicher und als Wette nicht lukrativ genug.
Mein Value-Tipp: „Belgien erreicht das Viertelfinale“ bei 1.90. In den Gruppen-Auslosungen haben die Roten Teufel die ideale Konstellation erwischt — eine Gruppe, die den Gruppensieg ermöglicht, gefolgt von einem Achtelfinale gegen einen Gruppendritten oder -zweiten aus einer schwächeren Gruppe. Von dort ist das Viertelfinale nur einen Sieg entfernt, und Belgiens Erfahrung in K.-o.-Spielen — viermal in Folge mindestens das Viertelfinale bei grossen Turnieren zwischen 2014 und 2022 — ist ein Vorteil, den ich höher gewichte als die strukturellen Schwächen der Mannschaft. Ein zweiter interessanter Markt: „De Bruyne erzielt mindestens ein Tor im Turnier“ bei 2.10. Bei Manchester City hat De Bruyne in den letzten drei Saisons zwischen 7 und 10 Ligatore erzielt, und seine Rolle bei der Nationalmannschaft gibt ihm die Freiheit, vorzurücken und abzuschliessen.
Für De Bruyne und Courtois ist es die letzte Chance — und manchmal reicht das als Motivation, um über sich hinauszuwachsen. Die goldene Generation des belgischen Fussballs hat alles gewonnen, was es auf Klubebene zu gewinnen gibt: Champions League, Premier League, La Liga, Serie A. Was fehlt, ist ein Titel mit der Nationalmannschaft. Die WM 2026 ist die letzte Gelegenheit, diese Lücke zu schliessen, und der emotionale Antrieb ist ein Faktor, der sich nicht in Statistiken fassen lässt, aber bei Turnieren regelmässig den Unterschied macht. Meine Prognose: Viertelfinale mit 55 Prozent, Halbfinale mit 20 Prozent, Titel unter 4 Prozent. Die vollständige Teamübersicht ordnet Belgiens Chancen ein.